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Die Moskauer Prozesse

[…]. Es wird klar und deutlich, dass hinter einer politisierten Gegenüberstellung von Kunst und Religion die grundsätzlichen Fragen nach Meinungsfreiheit und Demokratie stecken. Von diesem Standpunkt aus ist das Reenactment dieser Prozesse ein wichtiger, demokratischer und liberaler Akt.

Mit Die Moskauer Prozesse dokumentiert der Schweizer Künstler Milo Rau seine Inszenierung von drei berühmten Prozessen, die vor zehn Jahren gegen zeitgenössische Künstler in Moskau stattgefunden haben. Zwei Ausstellungen und die Aktion von Pussy Riot in der Moskauer Erlöserkirche wurden damals vom staatlichen Gericht als Beleidigung gegen die orthodoxen Gläubigen verurteilt und mehrere Künstler durch Prozesse bestraft. Der Film zeigt alle Details der Affäre mit den echten Protagonisten auf. Milo Raus Projekt rief sie alle im Sakarow Ausstellungszentrum in Moskau zusammen, um vor einem echten Richter eine neue Debatte zu führen.

So liefert Die Moskauer Prozesse ein objektives Bild über die Themen Religion und Ausdrucksfreiheit in der russischen Gesellschaft. Wir entdecken, wie sehr die konservativen Gruppen aggressiv und antidemokratisch agieren und wie theokratische, antiliberale Stellungen wachsen und vom russischen Regime und der orthodoxen Kirche unterstützt werden.

Der Film ist notwendigerweise sehr einfach gedreht und lässt uns die Zeit, wahrzunehmen, wie genial die Idee von einem Reenactment dieser Prozesse ist. Das ist bereits ein starkes Statement, dass einzig eine Inszenierung oder ein künstlerischer Akt eine echte Debatte anbieten kann und die Mängel des eigentlichen Prozesses an den Tag bringt. Es wird klar und deutlich, dass hinter einer politisierten Gegenüberstellung von Kunst und Religion die grundsätzlichen Fragen nach Meinungsfreiheit und Demokratie stecken. Von diesem Standpunkt aus ist das Reenactment dieser Prozesse ein wichtiger, demokratischer und liberaler Akt. Es ist jedoch keine Überraschung, mitzuverfolgen, wie die ultrakonservativen Vertreter mehr Probleme haben, die Regeln einer korrekten Diskussion zu achten.

Und plötzlich wird der Prozess abgebrochen. Die Polizei macht Probleme mit Milo Raus Schweizer Pass – jedoch ohne Erfolg – und mediatisiert diesen Prozess. Daraufhin bedroht eine Gruppe von orthodoxen Fanatikern den Verlauf der Veranstaltung im Sakarow Ausstellungsraum. Obwohl die aufgeführten Prozesse zu Ende gehen können, wird Milo Rau für Russland wohl kein Visum mehr kriegen. Diese unerwartete Wende im Film zeigt, dass die wirklich grosse Spaltung nicht (nur) zwischen fanatischen Gläubigen und liberalen Künstlern liegt, sondern zwischen einem faschistischen Regime und der grundsätzlichen Freiheit des Menschen, die in einer authentischen Demokratie verteidigt wird. Milo Rau macht uns mit diesem Film selbst zu einem Teil dieses Prozesses. Zumindest wenn wir nach dem Film unsere Meinung bilden und beurteilen sollten, ob wir gegen oder für einen freien Dialog sind. Grundsätzlich stellt Die Moskauer Prozesse die dringliche Frage nach der Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit.

Text: Giuseppe Di Salvatore

First published: June 01, 2016

Die Moskauer Prozesse | Film | Milo Rau | DE-RUS 2014 | 84’

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