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Dennis Schwabenland & Sascha Engel

[…] Ein energetisch hochgeladenes Team von Schauspielern will uns von diesem neuen dogmatischen Schlaf erwecken. Es will uns erinnern und physisch erfahren lassen, dass eine kritische Infragestellung prinzipiell keine Grenzen haben soll.

[…] Wo offene Fragen stehen, bleibt die Möglichkeit, eine kritische Einstellung zu üben. Dafür kann man grundsätzlich und besonders im Fall dieses Films über eine “Ethik des Spiels” sprechen.

Die Berner Theatergruppe PENG! Palast bietet eines der schönsten Beispiele des Zusammenspiels von Theater und Film. In The Holycoaster (S)Hit Circus geht es gleichzeitig um den Holocaust, um Israel (die Heilige Küste) und um Zirkus…; der Film will bewusst provokativ einen theatralischen Hit und einen kitschigen Shit einer misslungen Produktion sein. Er ist ein gespielt dokumentarisches Making-of, eine Reportage, die sich von den vielfältigen Ressourcen der Komödie nährt und diese voll ausnutzt. Diese Mischung kann für eine angepasste Intelligenzija und für mehr oder weniger kultivierte Leute, die den Dogmatismus schätzen, nicht nur politically incorrect, sondern echt unmoralisch und zensuriert klingen. Genau das trifft ins Schwarze: Ein energetisch hochgeladenes Team von Schauspielern will uns von diesem neuen dogmatischen Schlaf erwecken. Es will uns erinnern und physisch erfahren lassen, dass eine kritische Infragestellung prinzipiell keine Grenzen haben soll. Die Geschichte und die heutige politische Situation von Israel und Palästina sind zu vielschichtig, um sie mit den Kategorien wie Gut und Böse, Recht und Unrecht, Schuld und Sühne zu be- und verurteilen. Im Bereich der Medien sind diese komplexen Themen nur Opfer von Manipulation geworden.

Wo eine übliche Diskussion an ihre Grenzen stösst, kann der kluge Humor des Films neue Perspektiven öffnen, die zudem auch die Frage der Manipulation thematisieren, um wieder eine gesündere Distanz zu erhalten. The Holycoaster (S)Hit Circus macht dies auf direktem, unverblümtem Weg, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Der Humor ist und bleibt auf jeden Fall die beste kritische Ressource, vielleicht die Einzige, um sich der Komplexität anzunähern. Wo offene Fragen bleiben, müssen die ZuschauerInnen selbst eine Position erarbeiten und ergreifen; das fordert der Film und damit die Macher geradezu heraus. Wo offene Fragen stehen, bleibt die Möglichkeit, eine kritische Einstellung zu üben. Dafür kann man grundsätzlich und besonders im Fall dieses Films über eine “Ethik des Spiels” sprechen.

The Holycoaster (S)Hit Circus kann als eine Mischung von aufklärender Kritik und jüdischem Witz verstanden werden, eine Mischung, die ein gelungenes Zusammentreffen von diesen zwei Kulturen zeigt und den Zuschauer noch weiter darüber hinausführt: an die eigenen Grenzen des Verstehenwollens und –könnens.

Text: Giuseppe Di Salvatore | Audio/Video: Ruth Baettig

First published: May 17, 2016

The Holycoaster (S)Hit Circus | Film | Dennis Schwabenland, Sascha Engel | CH 2015 | 72’

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