article img

Dem Himmel zu nah | Reset - Restart

[…] Bei Dokumentarfilmen ist es immer mehr à la mode, das Filmemachen als Therapie zu benutzen. […] Annina Furrers «Dem Himmel zu nah» ist ein gutes Beispiel für dieses “Filmgenre”, das sich zwischen privatem Ausdruck und klarem Objektivieren bewegt, um eine Balance zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven zu finden.

[…] So wird uns eine Konfrontation zwischen «Dem Himmel zu nah» und Judith Lichtneckers «Reset – Restart» offenbart, was Ersterem fehlt, das hat der Zweite!

Bei Dokumentarfilmen ist es immer mehr à la mode, das Filmemachen als Therapie zu benutzen. Man muss nicht unbedingt Pierre Vermeerschs Ausformulierungspsychologie erwähnen, um anzuerkennen, dass ein Ausformulierungsprozess – auch visuell – eine heilende Distanzierung vom Leiden und eventuell auch eine Ordnung, die das Verständnis unterstützt, ist. Annina Furrers Dem Himmel zu nah ist ein gutes Beispiel für dieses “Filmgenre”, das sich zwischen privatem Ausdruck und klarem Objektivieren bewegt, um eine Balance zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven zu finden. Der Film ist analytisch strukturiert und geht von einem persönlichen Niveau zu einem komplexeren und kontextuelleren Verständnis des Suizids von Furrers südkoreanischem, adoptiertem Bruder über. Eine kühle Stimme und eine aseptische Führung der Analyse geben die richtige Balance zu einer solch tragischen Geschichte.

Wenn Annina Furrer ihre Heilung findet, was passiert auf der Seite der ZuschauerInnen? Sie folgen der Analyse, sie stellen sich Fragen und sie finden auch ein paar Antworten. Als ZuschauerIn entfremdet man sich nach und nach vom Diskurs der Filmemacherin: Wenn Furrer im zweiten Teil des Filmes in die Psychologie und in eine poetische Sublimierung eintaucht, möchten wir doch gleich noch mehrere Fragen stellen: Warum ist die Mutter nie in einem kritischeren Licht gezeichnet? Warum gibt es fast keine Erzählung über die vielen Jahren vor dem Suizid? Warum war eine Reise nach Südkorea nie wirklich eine Frage? Es wäre widersprüchlich zu sagen, dass ein solch analytischer Film nur ausdrücken und nicht erklären will. Deswegen wächst bei den ZuschauerInnen eine irritierende Unglaubwürdigkeit. Furrer ist dafür nicht schuldig, ich glaube, sie konnte es nicht besser machen. Aber es stellt sich die Frage: macht es wirklich Sinn, als Regisseurin eine filmische Distanz zu suchen, wenn der Stoff des Filmes an sich so nah und persönlich ist?

Trotz einer zu melancholischen und repetitiven Musik, bleibt der gut geschnittene Film vor allem auch dank der unglaublich klugen und ausserordentlich schönen Kameraarbeit von Peter Guyer absolut wertvoll.

Dem Himmel zu nah feierte seine Premiere an den Solothurner Filmtagen, die einen zweiten Film über das Thema der in der Schweiz adoptierten südkoreanischen Kinder präsentieren. So wird uns eine Konfrontation zwischen Dem Himmel zu nah und Judith Lichtneckers Reset – Restart offenbart, was Ersterem fehlt, das hat der Zweite! Reset erzählt uns, warum und wie das Leben von Mischa, einem aus Südkorea adoptierten Junge, nicht eine tragische Wende nimmt. Der Film ist filmisch nicht ambitioniert, findet jedoch einen perfekten Erzählrhythmus, dem man gerne folgt. Der Protagonist und der Film zusammen stehen für ihre Ehrlichkeit und Authentizität ein. Wir erfahren, wie ein existentielles Roadmovie eine einfache und glaubwürdige Tonalität haben kann.

Text: Giuseppe Di Salvatore
First published: May 09, 2016

Explore more