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Das Mädchen von Änziloch

[…] Alice Schmid scheint zu wissen, was sie will. So hat der Film, der weder treu dokumentiert noch portraitiert, keinen Anspruch auf das rein Naturalistische.

[…] Schmid gelingt dabei eine gute Distanz, zwischen fiktionalen Inhalten und dokumentarischen Elementen wechselnd. Durch die bereits erwähnte Tonspur und das Sounddesign bleibt man immer nah dran und erfährt eine Innerlichkeit, die wiederum ganz für die 12-jährige Laura steht.

Die Filmemacherin Alice Schmid nimmt die ZuschauerInnen an einen sagenumwobenen Ort im Herzen der Schweiz mit, um hier die 12-jährige Laura Larissa Röösli zu treffen. Laura lebt ab vom Schuss in einer Welt, wo die Nähe zum Boden, zu den Tieren und zu geheimnisvollen Mächten noch gegenwärtig ist. Wir folgen dem Mädchen ganz nahe, spüren ihren Atem, das Keuchen beim Berg hochkraxeln und nehmen all die feinen Geräusche wahr, die den naturverbunden Alltag mitbestimmen.

Die Frage steht im Raum, ob es sich hier um einen Dokumentar- oder Spielfilm handelt. Alice Schmid scheint zu wissen, was sie will. So hat der Film, der weder treu dokumentiert noch portraitiert, keinen Anspruch auf das rein Naturalistische. Der Film will mehr, er will erzählen, besser zeigen, um zur Erzählung zu kommen. Hier zeigt sich das gekonnt dramaturgische Handwerk der Filmemacherin, die mit Laienschauspieler umgehen kann und diese dazu bringt, sich ein Stück weit selber zu inszenieren. Schmid gelingt dabei eine gute Distanz, zwischen fiktionalen Inhalten und dokumentarischen Elementen wechselnd. Durch die bereits erwähnte Tonspur und das Sounddesign bleibt man immer nah dran und erfährt eine Innerlichkeit, die wiederum ganz für die 12-jährige Laura steht, die noch ganz Kind zu sein scheint, jedoch am Rande zur Jungfrau und mit offenem Horizont zum Unbekannten hin.

Die Kamera fängt die Landschaft, den Alltag, die Rückzugsorte von Laura stets in schön gefilmten Bildern ein und verliert dabei nie den ihr zugedachten Standpunkt – der für die Innerlichkeit und Wahrnehmung der Protagonistin steht. Das alles schafft Authentizität und das ist die Stärke des Films. So wird man im Kinoraum auch gewahr, das diese heile Welt, ganz klar auch ihre Schattenseiten hat. Das Leben auf dem Lande, die Arbeit in der Landwirtschaft ist nicht nur heller Sonnenschein. Man spürt eine gewisse Isolierung, eine mögliche Depression, unerfüllte Wünsche und Sehsüchte, die wie ein Gewitter am Himmel aufwarten. Schmid bringt diese unterschwelligen Themen unter dem Vorwand der Sage um das Mädchen vom Änziloch und durch die Verkörperung der jungen Protagonistin Laura zu Tage. Mit dem Film Das Mädchen vom Änziloch ist Alice Schmid eine kulturhistorische Meditation an einem legendären Ort im Napfgebiet gelungen.

Text: Ruth Baettig

First published: February 14, 2017

Das Mädchen von Änziloch | Film | Alice Schmid | CH 2016 | 87’

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