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Creative Control

[…] Gewiss steht diese Kälte, in der die Zukunft hier einmal mehr daherkommt, in einer langen Tradition eines skeptischen Blickes auf die Rolle technologischer Entwicklungen in der Gesellschaft (an deren Spitze wohl nach wie vor Kubrick steht), doch dass es auch anders ginge, hat zuletzt Spike Jonze mit «Her» anschaulich demonstriert, zu dem «Creative Control» mitunter nicht wenige Parallelen aufweist.

[…] Nicht zuletzt lässt sich im Konzept der „augmented reality“ – offensichtlich inspiriert durch aktuelle Entwicklungen wie Google Glass – eine treffende Parallele zum Kino sehen, das ja im Grunde oft auch nichts anderes tut, als die Realität überhöht abzubilden und auf unsere Netzhaut zurückzuwerfen.

In einem an Kubrick-Zitaten nicht gerade armen Film ist es die Verwendung des zweiten Satzes von Schuberts Klaviertrio No. 2, welche die (vielleicht etwas übersteigerten) Ambitionen von Benjamin Dickinsons Indie-Science Fiction-Werk Creative Control am deutlichsten offenlegt. Ähnlich wie in Barry Lyndon markiert der Einsatz des Stückes einen Einbruch realer Emotionen in eine von absurden Regeln und Verhaltensweisen durchzogenen Bullshit-Welt – ein Einbruch allerdings, der in beiden Filmen relativ zügig erneut eben jenen Regeln sowie den individuellen Pathologien der Protagonisten unterworfen wird. Was bei Kubrick die europäische Hofgesellschaft des 18. Jahrhunderts war, ist in Creative Control die in die nahe Zukunft verlegte und nur leicht überspitzt dargestellte Version der kapitalistischen Arbeitswelt in seiner Brooklyn-Hipster-Variation, hier einerseits repräsentiert anhand einer Marketing-Agentur; sowie ironischerweise aber kaum weniger treffend anhand der westlich umfunktionierten und ins System eingegliederten Praxis des Yoga.

Während sich Kubrick in seiner Inszenierung seinerzeit am Stil der Landschaftsmalerei aus der dargestellten Zeit orientierte, ahmt Dickinson in seiner visuellen Gestaltung des Films quasi deren moderne Entsprechung (im Sinne des dominanten Bildmodus einer bestimmten Zeit) nach: Die glatten schwarz-weiss Bilder, akzentuiert mit dem farbigen Interface der plottragenden augmented reality-Technologie, erinnern nicht von ungefähr an die moderne minimalistische Werbeästhetik, die etwa die Corporate Identity von Apple auszeichnet – angereichert um die mutmasslich realitätsgetreue Omnipräsenz von legalen und illegalen Drogen, Wirtschafts-Halsabschneidereien und einer allgemeinen Stimmung von distanziertem Zynismus.

Gewiss steht diese Kälte, in der die Zukunft hier einmal mehr daherkommt, in einer langen Tradition eines skeptischen Blickes auf die Rolle technologischer Entwicklungen in der Gesellschaft (an deren Spitze wohl nach wie vor Kubrick steht), doch dass es auch anders ginge, hat zuletzt Spike Jonze mit Her anschaulich demonstriert, zu dem Creative Control mitunter nicht wenige Parallelen aufweist. Obschon man es für nachvollziehbar halten würde, dass die meiste Technologie auf einer moralischen Ebene mehr oder weniger neutral funktioniert, und dass deren Einfluss auf Individuum und Gesellschaft hauptsächlich von der Art ihrer Implementierung von ersteren in letzterer abhängt, überwiegen in der zeitgenössischen Science Fiction nach wie vor jene Darstellungen, die jeglicher Entwicklung irgendwo im Spektrum zwischen voreingenommener Skepsis und luddistischer Panik gegenübertreten. So man denn davon ausgehen will, dass der Mensch nicht grundsätzlich schlecht oder gar böse ist, sondern höchstens, um mit Kant zu sprechen, „aus so krummen Holz“ gemacht ist, als dass daraus „nichts ganz Gerades gezimmert werden“ kann, sollten sich durchaus Wege finden lassen, die Technologie in der Science Fiction auf eine Weise darzustellen, die diesen Umständen angemessen Rechnung trägt.

Dabei möchte man meinen, dass Dickinson mit seiner Aufrufung östlicher Konzepte durchaus auf der richtigen Spur ist. Es ist auch hier das Begehren, erste und oberste „Sünde“ im Buddhismus und Ursache von allem Leiden, das den Plot zum Laufen und die Technologie zum (moralischen) Scheitern bringt. So nutzt unser Protagonist David (gespielt von Dickinson selbst) die ihm zur Verfügung gestellten augmented reality-Technologie eben nicht dazu, um wie es deren Name nahelegt die Realität zu erhöhen oder erkennbarer zu gestalten, sondern stattdessen dazu, sich nach und nach ganz aus jener zurückzuziehen – freilich ohne sich dessen bewusst zu sein – und setzt dabei von Liebe über Freundschaft bis hin zu seinem einträglichen Job zum Ende hin alles aufs Spiel. Die Technologie fungiert dabei hauptsächlich als Katalysator für den moralischen Niedergang, was schade ist, hat der Film doch zu Beginn durchaus noch deren kreatives Potential (anhand eines Marketing-Brainstorming) hervorgehoben, nur um dieses dann in einer völlig überdrehten Avantgarde-Präsentation eines zu diesem Zweck angeheuerten Künstlers (Reggie Watts) wieder unter die Räder zu werfen. Zum Ende entschliessen sich die verantwortlichen Creatives, gemäss ökonomischer Logik durchaus folgerichtig, das Marketing der Technologie auf jene Aspekte zu fokussieren, die eben jenen moralischen Niedergang des Protagonisten zur Folge hatten.

Die filmische Umsetzung all dessen ist dabei um einiges interessanter, als es der eigentlich banale Plot um Begehren, Betrug, Eifersucht und Realitätsverlust, angereichert mit etwas zynischer Wirtschaftssatire ist oder auch sein kann. Insbesondere die Darstellung der „verbesserten“ Realität, die sich dem jeweiligen Benutzer ja eigentlich für andere unsichtbar auf seinen hochentwickelten Brillengläsern präsentiert, vermag aufgrund der sparsam, präzis und sehr ästhetischen farbigen Einbindung ins schwarz-weisse Bild zu überzeugen. Nicht zuletzt lässt sich im Konzept der augmented reality – offensichtlich inspiriert durch aktuelle Entwicklungen wie Google Glass – eine treffende Parallele zum Kino sehen, das ja im Grunde oft auch nichts anderes tut, als die Realität überhöht abzubilden und auf unsere Netzhaut zurückzuwerfen. Auch das Kino lässt sich missbrauchen: Was die Realität zu verfremden vermag, kann diese auch manipulieren und verklären, kann Räume schaffen, in denen sich das Es ungehindert entfalten kann und so im Extremfall in Gefahr läuft, jeglichen Bezug zur Realität und zur Gemeinschaft zu verlieren. Vom Blick oder von der Emotion, die den allgemeinen Bullshit durchdringt und hinter sich lässt zu jenem, der diesen Bullshit in sich aufnimmt und wiederum verstärkt, ist es ein gefährlich kurzer Weg. Davor sind weder Barry Lyndon, Benjamin Dickinson noch die verschiedenen technologischen, chemischen oder spirituellen Wahrnehmungspraktiken jemals wirklich gefeit.

Text: Dominic Schmid
First published: November 20, 2016

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