article img

CinéConcert: Fascination ferrique | Kurzfilmtage Winterthur

[…] Wunderbar ist der Gedanke, wie nahe Filmgeschichte mit der Eisenbahngeschichte einhergehen. Sind es die Fenster in den Abteilen, mit den dahinfliegenden Landschaften, die den erfinderischen “Seh-Menschen” zu Beginn des 20. Jahrhunderts wohl im Innersten getroffen haben?

[…] Man muss an diesem Motto [«Cinema is not dead»] festhalten, dies bestätigten die Reaktionen des Publikums am CinéConcert eindeutig und zweifelsfrei.

Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur hatten sich zur Feier der 20. Ausgabe ein ganz besonderes Projekt ausgedacht und in Zusammenarbeit mit dem Musikkollegium Winterthur realisiert: Eine Reise mit der Eisenbahn an die Anfänge der Filmgeschichte. Historische Filmperlen aus der Stummfilmzeit, welche die Technik und Innovationslust der Eisenbahn und die Faszination für den Schienenverkehr im frühen 20. Jahrhundert zeigen, wurden mit live eingespielter Musik unter der Leitung von Reto Parolari, Experte für historische Unterhaltungsmusik, uraufgeführt.

Wunderbar ist der Gedanke, wie nahe Filmgeschichte mit der Eisenbahngeschichte einhergehen. Sind es die Fenster in den Abteilen, mit den dahinfliegenden Landschaften, die den erfinderischen “Seh-Menschen” zu Beginn des 20. Jahrhunderts wohl im Innersten getroffen haben? Oder sind es reine Zufälle, die logisch aus der industriellen Revolution hervorgerufen wurden? Beides mag richtig sein. Auf jeden Fall liess uns das sorgfältig ausgewählte Programm an die kinematografische Vision des Blickes aus dem Zugfenster denken. Die Abfolge der gewählten Filmausschnitte unterstrichen gleichzeitig die Neuheit der Nutzung der Kamera aus dem fahrenden Zug und die Revolution der kinematografischen Wahrnehmung.

Wunderbar ist auch, dass die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur um ihr Jubiläum kein übertriebenes Tam-Tam machten und keine unnütze, meist kostspielige Feierlichkeiten organisierten, sondern mit dem CinéConcert ein Fest für das Kino feierten. Ist das nicht mehr als ein Statement? Am Festival sahen wir überall – auf T-Shirts, Plakaten, Flyern und vor den Filmprojektionen in den Kinosälen – den Satz «Cinema is not dead» (Kino ist nicht tot). Das ist wohlgemerkt kein reaktionäres oder gar nostalgisches Motto. Es ist bekannt, dass hinter den Internationalen Kurzfilmtagen ein junges, engagiertes Team steht und das dieses ebenfalls ein junges, neugieriges Publikum anzieht. Man muss an diesem Motto festhalten, dies bestätigten die Reaktionen des Publikums am CinéConcert eindeutig und zweifelsfrei.

Das CinéConcert war ein Erlebnis für Aug und Ohr, vor allem auch durch die amüsanten Geräuscheinspielungen wie Hupen, Hundebellen und Pfeifen. Der Kinosaal mit seinem Publikum hätte gerne noch mehr davon gehabt. Die Seelen der Menschen im digitalen Zeitalter scheinen förmlich nach solchen Erlebnissen zu lechzen. Die zauberhafte Animationsfilmperle am Schluss des Programms, La joie de vivre (1934) von Hector Hoppin und Anthony Gross, war sicher die Krönung des Abends und forderte geradezu heraus, die Emotionen durch eine Standing-Ovation kund zu tun. ...und «Cinema is not dead»!

Text: Ruth Baettig
First published: November 18, 2016

Explore more