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Certain Women

[…] Es ist die schönste Szene in einem wunderschönen Film, in dem die grandiose Landschaft des amerikanischen Nordwestens immer wieder den Eindruck eines Spiegelbildes der inneren Welt seiner Protagonistinnen erweckt. Melancholisch, etwas unnahbar und immer wieder mit den Tücken der modernen Gesellschaft konfrontiert, doch auf ihre Weise majestätisch, unzähmbar.

[…] Was eigentlich für alle von Reichardts Filmen gilt – die grosse und äusserst empathische Nähe zu ihren Figuren, trotz all deren Rätselhaftigkeit (am meisten vielleicht gegenüber sich selbst) – gilt für «Certain Women» im Besonderen.

Zwei junge Frauen reiten auf einem Pferd von der Schule zu einem Diner in einer Kleinstadt irgendwo in Montana. Es ist dunkel, das Licht der Strassenlampen blitzt hinter ihren Köpfen hervor. Die Reiterin vorne, Jamie (Lily Gladstone), die sich auf einer Ranch um die Pferde kümmert, ist in die hintere verliebt, Beth (Kristen Stewart), die an lokalen Schulen unmotivierte Abendlektionen zum Schulrechtswesen gibt. Der Moment ist leise, poetisch und voll von romantischem Potential. Leider ist Beth übermüdet, weil die Kleinstadt eine vierstündige Autofahrt von ihrem Wohnort entfernt liegt, und ist deshalb blind für das melancholische doch offenherzige Begehren ihrer Mitreiterin. Es ist die schönste Szene in einem wunderschönen Film, in dem die grandiose Landschaft des amerikanischen Nordwestens immer wieder den Eindruck eines Spiegelbildes der inneren Welt seiner Protagonistinnen erweckt. Melancholisch, etwas unnahbar und immer wieder mit den Tücken der modernen Gesellschaft konfrontiert, doch auf ihre Weise majestätisch, unzähmbar.

Die Szene stammt aus der dritten von drei kurzen Geschichten, aus denen Certain Women besteht, mit vier gänzlich unterschiedlichen Frauenfiguren. Verbunden sind sie nur durch allersanfteste Zufälligkeiten, der stärkste Zusammenhang ist ihr Thema der missglückten Kommunikation. Missglückt, weil man sich nicht richtig zuhört, sich nicht klar ausdrückt, oder einfach andere Interessen und Sorgen hat als das Gegenüber. Das ist manchmal dramatisch, wie in der ersten Geschichte mit Laura (Laura Dern), deren Status als Anwältin immer wieder untergraben wird von dem als Frau, der es hier einfach nicht gelingen kann, ihrem Klienten klarzumachen, dass seine durchaus legitimen Frustrationen vor Gericht keine Chance haben werden. Fast enden diese Frustrationen dann in der Gewalt, aber Reichardt unterläuft die genrehafte Entwicklung lakonisch, so dass es einfach nur traurig endet. Die zweite Geschichte ist rätselhafter. Man ahnt, dass der Haufen Sandsteine vor dem Haus des alten Mannes, die ihm Gina (Michelle Williams) für den Bau ihres neuen Hauses abkaufen will, irgendwie einen Teil dessen Seele darstellt. Aussprechen will er dies nicht, so wie er eigentlich das Verhandlungsgespräch sowieso lieber mit Ginas Mann führen würde. Als die Steine allem Unbehagen zum Trotz abtransportiert werden, und Gina dem hinter dem Fenster stehenden Mann zum Dank oder zur Selbstvergewisserung, hier nichts schlechtes getan zu haben, zuwinkt, ohne eine Gegenreaktion zu erhalten, bleibt unklar, wessen Seele es ist, die hier Schaden genommen hat. Gina bleibt so sehr auf ihrem eigenen Weg, ihrer Fahrbahn eingespurt, die von so vielen eigen- und fremdverschuldeten Hürden gesäumt ist, dass die Auseinandersetzung mit den Gefühlen anderer nicht weniger als das Risiko darstellen würde, von der vorgelegten Spur abzukommen. Dass die Metapher nicht von ungefähr kommt, zeigt vielleicht die zentrale Bedeutung, die den langen Autofahrten durch die Landschaft in allen drei Geschichten – wieauch in der ganzen Filmografie von Kelly Reichardt – immer wieder zukommt. Mit dem Blick auf die Strasse, gegebenenfalls noch in den Rückspiegel, bleibt keine Zeit mehr für jenen auf die Gegenfahrbahn oder auf den Beifahrersitz.

Es ist vielleicht die deutlichste Gemeinsamkeit der Frauenfiguren von Certain Women. Drei von ihnen – die Anwältin Laura, Mutter und und Hausbauerin Gina und die Lehrerin Beth – treffen zu oft auf Widerstände, als sich dann noch eine Rücksichtnahme auf die Gefühle dieser Männer verkraften liesse. Ob diese eine Rücksichtnahme überhaupt verdienen würden, ist natürlich noch einmal eine andere Frage. Und in der letzten Geschichte, die ihrerseits ganz ohne zentrale Männerfigur auskommt, ist Beth zu eingenommen von der Mühseligkeit ihres Jobs, zu dem sie jeweils vier Stunden hin und her pendeln muss, als sie noch die Faszination wahrnehmen könnte, die sie offensichtlich auf Jamie ausübt. Letztere ist vielleicht die geerdetste Figur des Films. Lange, ruhige Einstellungen zeigen sie bei der gewissenhaften Arbeit mit den Pferden auf der Ranch, und die Einstellungen von Lily Gladstones Gesicht, wenn sie mit leuchtenden Augen im Diner Beth gegenübersitzt, gehören zu den schönsten und berührendsten wohl vom ganzen Kinojahr. Jamie ist auch die einzige, die mit einer solchen Offenheit auf ihr Gegenüber zugeht – allerdings ohne (als ob das überhaupt noch nötig wäre) ihr Begehren sprachlich ausdrücken zu können, so dass sie sich schliesslich tatsächlich für einen Moment buchstäblich aus der Bahn werfen lässt.

Was eigentlich für alle von Reichardts Filmen gilt – die grosse und äusserst empathische Nähe zu ihren Figuren, trotz all deren Rätselhaftigkeit (am meisten vielleicht gegenüber sich selbst) – gilt für Certain Women im Besonderen. Anders als die Gesellschaft, in der sie sich bewegen, und anders als ihre jeweiligen Gegenüber, die nicht aus ihrer eigenen tunnelblickartigen Wahrnehmung austreten mögen, öffnet Certain Women uns einen Blick auf unterschiedliche individuelle Welten, die die Realität so oft kaum hergibt oder hergeben kann. Ist es nicht eine der Hauptfunktionen von gutem Kino: einen Moment lang unseren Blick von unseren eigenen Problemen zu lösen und uns ganz von einem Gegenüber einnehmen zu lassen? Uns im besten Sinne ein wenig von der Spur abzubringen.

Text: Dominic Schmid

First published: February 14, 2017

Certain Women | Film | Kelly Reichardt | USA 2015-2016 | 107’ | Kino Xenix Zürich

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