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Bhutan-Filmtage | Marianne Pletscher

[…] Innovativ ist in vielen Fällen die nicht-westliche Filmsprache, die jungen FilmemacherInnen arbeiten mit nicht-linearen Formen wie beispielsweise Erzählungen in Form eines Mandalas (ein kreisförmiges Bild mit vielen Wiederholungen).

[…] Beobachtender Dokumentarfilm ist eine Methode, in der man das Zuschauen und Verdichten mit der Kamera lernt. Ich unterrichte diesen Stil, der sich dann auch sehr gut für kurze Übungsfilme eignet, weil da die Personen und nicht die Faktenrecherche im Zentrum steht.

Vom 27. bis 29. Januar fanden im Völkerkundemuseum der Universität Zürich die Bhutan-Filmtage statt umgestellt . Eine von der Schweiz-Bhutan Gesellschaft organisierten Veranstaltung, welche dem Publikum die Möglichkeit gab ein junges und interessantes Kino kennen zu lernen. Vierzehn Werke waren im Programm: Kurz-, Dokumentar-, Animations- und Spielfilme.

Wir haben Marianne Pletscher – Mitorganisatorin des Festivals und Regisseurin des Dokumentarfilms Das Tal der Frauen (1994), einer der ersten im Bhutan gedrehten Filme – interviewt. Ihr Film wurde zusammen mit zwei weiteren Werken des bhutanischen Kinos gezeigt: Heart in the Mandala (2013) von Dechen Roder und Drugi Boomro – Daughters of Bhutan (2016) von Lhaki Dolma, zwei junge Regisseurinnen des Landes. Nach den Filmprojektionen fand eine öffentliche Debatte über die Lage und die gesellschaftliche Stellung der Frauen im heutigen Bhutan statt.

Mattia Lento (ML): Marianne Pletscher, wie ist Ihr Interesse für Bhutan entstanden?

Marianne Pletscher (MP): Ich wurde vom Völkerkundemuseum der Universität Zürich in den neunziger Jahren angefragt, einen Film über Bhutan zu drehen, der zusammen mit einer Ausstellung über eine der letzten matrilinearen Kulturen im Himalaja-Gebiet gezeigt wurde. Ich bin seither nie mehr in Bhutan gewesen. Ich bin jemand, der nicht zum Vergnügen in solche Länder reist, eine sehr schlechte Touristin. Beim Film Festival habe ich mitgemacht, weil die Organisationsgruppe der Gesellschaft Schweiz-Bhutan meinen Film zeigen wollte.

ML: Wie hat sich das Land und Kino in diesen letzten Jahren verändert?

MP: Bhutan hat sich erst seit ungefähr 20 Jahren für westliche Reisende geöffnet, erst langsam, dann immer schneller. Das brachte auch viele Probleme wie Landflucht, Drogen, Spekulation und Prostitution. Neben vielen positiven Veränderungen kam es zu diesen negativen Entwicklungen, die in andern Ländern bereits vorher stattfanden. Erst seit 1999 gibt es Fernsehen im Land, das führte langsam zu einem jungen Filmschaffen, das neben den üblichen, Bollywood-ähnlichen Filmen ganz neue Formen ermöglichte.

ML: Die bhutanische Filmindustrie ist sehr jung, die OrganisatorInnen des Festivals definieren das Filmschaffen des Landes jedoch als „innovativ“. Wieso jedoch?

MP: Innovativ ist in vielen Fällen die nicht-westliche Filmsprache, die jungen FilmemacherInnen arbeiten mit nicht-linearen Formen wie beispielsweise Erzählungen in Form eines Mandalas (ein kreisförmiges Bild mit vielen Wiederholungen). Nach wie vor ist aber auch der Bollywood-Stil sehr stark vertreten. Früher sahen die Bhutanesen in den wenigen Kinos nur Filme aus Indien, Bollywood-Filme eben, die sehr melodramatisch sind, oft sehr lang, und in denen viel gesungen wird. Heute produzieren sie ihre eigene Filme in diesem Stil. Das Publikum liebt diese Filme. Die Filme, die wir zeigten, wurden bisher nur von wenigen Leuten gesehen. Hema Hema wurde sogar verboten in Bhutan, obwohl der Film in Locarno, Toronto usw. ein Festivalerfolg war. Eine gute Erklärung dafür wurde uns nicht gegeben, es hat aber mit der Religion zu tun. Dies, obwohl der Regisseur des Films, Kyentse Norbu, ein Rinpoche, eine Wiedergeburt eines wichtigen Lamas aus dem 19. Jahrhunderts ist und zudem ein anerkannter buddhistischer Lehrer, der auch Bücher zum Buddhismus publiziert hat.

ML: Das Thema der Spannung zwischen Urbanität und traditionellen Lebensformen prägt viele Werke. Reflektiert dieses Leitmotiv eine rasche Modernisierung des Landes?

MP: Genau. Vor allem zwei Kurzfilme, Home Alone und Rent and Grains, haben die Landflucht stark thematisiert. Sie wurden beide von Loday Chophel gedreht, den ich als den begabtesten und politischsten der jungen bhutanischen Filmemacher anschaue. Oft thematisiert wurde in den längeren Spielfilmen auch die Lust, auszuwandern oder viel Geld zu verdienen. Alles Themen, die sehr neu sind in der bhutanischen Gesellschaft.

ML: Welche Rolle spielen die Frauen in der bhutanischen Gesellschaft und im Kino Bhutans?

MP: In verschiedenen Tälern gibt es immer noch matrilineare Kulturen, d.h. die Frauen vererben Haus und Hof an ihre Töchter. Dies führt zu einem starken Selbstbewusstsein der Frauen. Allerdings geht diese Tradition mit der Landflucht verloren. Politisch haben die Frauen in Bhutan noch sehr wenig zu sagen, die Abgeordnetenzahl liegt im einstelligen Prozentbereich. Es gibt auch sehr wenig Filmemacherinnen, mit Dechen Roder (halb Schweizerin) allerdings eine sehr talentierte.

ML: Sie sind als Filmlehrerin in Kuba, Sri Lanka und Nepal sehr engagiert. Ihr Ziel ist es, den jungen FilmemacherInnen zu helfen, ihr Talent zu entwickeln ohne dabei den westliche Traditionen zu folgen. Können Sie Ihre Methode erläutern?

MP: Ich unterrichte vor allem beobachtenden Dokumentarfilm, da dies eine Form ist, die die Menschen in diesen Ländern kaum kennen. Ich wurde soeben nach Bhutan eingeladen. Da dort Dokumentarfilm kaum bekannt ist, werde ich – falls es klappt – aber erst mal versuchen, die verschiedensten Typen des Dokumentarfilms zu erklären. Beobachtender Dokumentarfilm ist eine Methode, in der man das Zuschauen und Verdichten mit der Kamera lernt. Ich unterrichte diesen Stil, der sich dann auch sehr gut für kurze Übungsfilme eignet, weil da die Personen und nicht die Faktenrecherche im Zentrum steht.

ML: Können Sie bereits jetzt eine Bilanz der Bhutan-Filmtage ziehen? Werden die Filmtage nächstes Jahr wieder stattfinden?

MP: Die Filmtage waren ein Riesenerfolg und immer ausgebucht. Sie werden sicher wieder stattfinden, aber erst in zwei oder drei Jahren. Mehr können wir dazu nicht sagen, wir müssen erst Bilanz ziehen. Es werden ja nicht so viele Filme gemacht, ein jährliches Festival hätte keinen Sinn. Und die Freiwilligenarbeit der ganzen Organisationsgruppe war mit viel Aufwand verbunden. Auch das Kochteam unter der Leitung der Frau des bhutanischen Botschafters in Genf, das wunderbar bhutanisch gekocht hat, würde das wohl nicht jedes Jahr mitmachen.

Text: Mattia Lento

First published: January 31, 2017

Bhutan-Filmtage Zürich | Interview | Marianne Pletcher | UZH - Völkerkundemuseum Zürich

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