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Before We Vanish

[…] Familie, Arbeit, Freiheit, Identität und natürlich die Liebe stossen jeweils auf Irritationen bei den sich sowieso schon ziemlich seltsam verhaltenden Ausserirdischen.

[…] Zwar haben insbesondere jene Momente, in denen es um die beschriebene Entwendung der Konzepte geht, einigen philosophischen Biss, doch was hier kaum funktioniert, ist die Genreverpackung, in die die Allegorien des Films gewickelt sind.

Die Idee ist an sich grossartig. Eine kleine Gruppe von Aliens kommt auf die Erde, um eine grossangelegte Invasion vorzubereiten. Dazu übernehmen sie, wie bei Invasions of the Body Snatchers, die Körper verschiedener Menschen, um sich unerkannt unter den Leuten bewegen zu können. Dabei ist ihr Ziel nicht, wie in der vielfach verfilmten paranoiden Kommunismus-Allegorie, die schleichende Übernahme aller menschlicher Körper, sondern wie kürzlich in Arrival der Wunsch, die Menschheit erst einmal gänzlich zu erforschen oder besser: zu verstehen. Dass die Absicht der Aliens im Gegensatz zu Denis Villeneuves Film trotzdem darin besteht, die Menschheit auszurotten und deren Planet zu übernehmen, ist dabei nur ein kleiner, vielleicht etwas unlogischer Unterschied, der für die Handlung so gut wie keine Rolle spielt, als sich in beiden Fällen ohne Mühe menschliche Kollaborateure finden lassen, die den Aliens bei ihrem Vorhaben gerne behilflich sind. 

Auch dass die Kombination von Science Fiction – schon immer das philosophischste aller Genres – mit linguistischen Fragestellungen eine fruchtbare ist, haben Arrival und besonders Ted Chiangs zugrundeliegende Kurzgeschichte eindrücklich unter Beweis gestellt. In Before We Vanish funktioniert diese aber unter etwas anderen Vorzeichen. Der (hier japanischen) Sprache durch die Übernahme menschlicher Wirtskörper bereits mächtig, gibt es Verständnisschwierigkeiten bei allem, was bestimmte menschliche Konzepte betrifft, für die den Aliens aus ihrer Heimatwelt die Analogien zu fehlen scheinen. Familie, Arbeit, Freiheit, Identität und natürlich die Liebe stossen jeweils auf Irritationen bei den sich sowieso schon ziemlich seltsam verhaltenden Ausserirdischen. Praktisch also, dass sie die Möglichkeit haben, mittels Berührung der Stirn eines Menschen, der gerade dabei ist, sich auf die jeweiligen Konzepte zu konzentrieren, deren Definitionen in sich einfliessen zu lassen – mit dem Haken allerdings, dass den jeweiligen Impulsgebern fortan jegliches Verständnis des Konzeptes fehlt. 

So schlendern die drei „spazierenden Invasoren“ (so der Originaltitel) also in ihren verschiedenen menschlichen Körpern in einer japanischen Küstenstadt umher, auf der Suche nach fehlenden Konzepten, sowie nach den anderen Mitgliedern ihrer Gruppe, um dann später – sie haben keine Eile – ihren Heimatplaneten anzufunken, auf dass die Invasion und die Auslöschung der Menschheit beginnen möge. Begleitet werden sie von ihren jeweiligen „Guides“ – der Ehefrau eines der Körperwirten, der die Verwandlung ihres zuvor untreuen Mannes gar nicht unbedingt missfällt, als auch einem zynischen Journalisten, der sich durch seine Kollaboration erst einen Scoop, dann sein Überleben nach der Invasion als menschliches „Muster“ erhofft. In der Spur ihrer Spaziergänge hinterlassen sie einige Leichen, als auch eine Reihe von Menschen, denen die zentralen Konzepte des Menschseins abhandengekommen sind – wie dem Chef etwa, der ohne einen Begriff von „Arbeit“ zur Irritation seiner Angestellten glücklich wie ein Kind in seinem Büro herumtanzt.

Die Idee, wie gesagt, ist gut, und Kiyoshi Kurosawa, mit seiner kühlen und genauen Inszenierungsweise, mit der er bereits einige der beissendsten Analysen der Entfremdung in der modernen japanischen Gesellschaft mittels Genrefilmen geschaffen hat, ist eigentlich der ideale Kandidat dafür, aus dieser originellen Body Snatchers-Interpretation eine weitere treffende und unterhaltsame Gesellschaftssatire zu machen. Leider hat es diesem Fall nicht so ganz geklappt, auch wenn der Film durchaus auf interessante Weise misslingt. Zwar haben insbesondere jene Momente, in denen es um die beschriebene Entwendung der Konzepte geht, einigen philosophischen Biss, doch was hier kaum funktioniert, ist die Genreverpackung, in die die Allegorien des Films gewickelt sind. Wenn die Aliens extrem breitwillig über ihre Menschheitszerstörungspläne Auskunft geben und die Menschen, die davon hören, nicht einmal sonderlich beeindruckt sind, ist das noch ganz witzig. Wenn dann aber ominöse Organisationen beginnen, Jagd auf die Aliens machen und einige Actionsequenzen auslösen, die wie aus einem anderen Film wirken, und wenn der Film am Ende gar in jenes Pathos abdriftet, das man aus mittelmässigen japanischen Animes kennt, wendet man sich irgendwann etwas gelangweilt ab, wozu im Übrigen auch die über zwei Stunden lange Spielzeit beiträgt. Selbst die originellsten linguistischen und philosophischen Einfälle erschöpfen sich irgendwann, weil diese Originalität in vielen Fällen einfach an kurze Gags verschwendet wird, statt dass deren schneidenden Implikationen weitergedacht werden. 

Genrekino – besonders Science Fiction – Gesellschaftssatire und Philosophie können sich im besten Fall hervorragend ergänzen und Meisterwerke hervorbringen, was Kurosawa selbst schon mehrere Male gelungen ist, mit den Horrorfilmen Pulse und Cure etwa, als auch letztes Jahr noch mit Creepy. Before We Vanish aber ist von allem entweder ein bisschen zu wenig oder zu viel. Vielleicht, könnte man auch ganz böse denken, spaziert jetzt gerade irgendwo in Japan ein Alien umher, das ganz gut über das Konzept der Dramaturgie Bescheid weiss.

Text: Dominic Schmid
First published: July 12, 2017

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