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Attraction

[…] Dass der Film allerdings so tut, als ginge es um die Vorzüge einer diplomatisch-pragmatischen Kommunikation mit dem Fremden und um die Lächerlichkeit des spontanen Griffs zu den Waffen, ist selbst wiederum lächerlich.

[…] Diese Verschaltung von kinetischer Energie und Zeugungspotenz – sie ist nichts Neues – nimmt in Attraction ganz besonders abstruse Züge an. Vermutlich, weil der Film permanent darum bemüht ist, diesen Zusammenhang wieder bis in die Unkenntlichkeit zu sublimieren – was ihm allerdings vollends misslingt.

Im britischen "The Independent" bekannte Fedor Bondarchuk, Regisseur von Attraction, in einem Interview, dass die The Dark Knight-Filme von Christopher Nolan weit grössere Inspiration für ihn darstellten, als die Filme von Michael Bay. Das ist eine interessante Aussage, wirkt Attraction doch – wenn man sich erst mal auf die Suche nach Hollywood-Pendants begibt – mehr oder weniger passgenau wie der Querschnitt durch das Werk von Michael Bay. Nicht nur konzentriert sich auch Attraction, wie schon Armageddon, auf den ziemlich pathologischen Konflikt zwischen Vater und Schwiegersohn, auf diese höchst seltsame Dreierkonstellation mit einer Frau in der Mitte, die sich unter gar keinen Umständen befrieden lässt und in der irgendwann einer der platzhirschigen Männer opferbereit das Feld räumen muss – und zwar für immer. Auch zapft dieser Film seine Zerstörungsenergien aus der selben Quelle wie das Kino von Michael Bay. Es gibt eine Einstellung, die diesbezüglich klärenden Charakter hat: Vater und Tochter, beide im Gesicht leicht blut- und schmutzgefleckt, stehen umschlungen und blicken in den Himmel. Die Kamera hebt ab, belässt die beiden im Bild, zeigt sie von immer weiter oben. Sie blicken der Linse nach – mit einem Ausdruck finalen Erkenntnisgewinns. Musik schwillt an, wird dichter je mehr sich der Bildraum öffnet.

In dieser erhabenen Blickstruktur wir nicht nur, wie in diesem Fall, einem Raumschiff nachgeschaut, in ihr wird auch das Kino selbst in bestimmter Weise angeschaut, wobei Raumschiff und Kino, Raumschiff und Linse, durchaus in eins fallen: eine unmässige kinetische Energie und ein stillgestelltes Schauen. Bei Nolan funktioniert dieses Modell ganz anders: Zerstörung kippt bei ihm – schliesslich geht es ja um Superhelden und deshalb auch sehr viel stärker um die Verhinderung der Zerstörung – nicht unmittelbar in den Ohnmachtsaffekt. Für Michael Bay aber ist dieses Modell konstitutiv – und für Bondarchuk letztlich eben auch. Bei Nolan treffen auf die Kräfte Gegenkräfte, bei Bay und Bondarchuk machen die Kräfte bewusst- und kraftlos. Man sieht das sehr schön an den Aliens, die in Attraction aus dem kugelförmigen Raumschiff stapfen, das kurz zuvor einer riesigen Hochhaussiedlung in Moskau einige Stockwerke vom Sockel rasiert hat, das sich durch die gigantischen Betontürme geschnipselt hat wie eine Kettensäge durch eine Gartenhecke. Dass diese martialisch roboternden Riesenkreaturen mit ihren schlaksigen aber bärenstarken Gliedmassen aussehen wie die Transformers (Die riesigen Metallwesen von Michael Bay) mag Zufall sein, dass aber auch sie alles, was ihnen im Weg steht, niedermähen und durch die Luft wirbeln, bis es der Gegner einsieht und kapitulierend die Hände hebt, ist mit Sicherheit keiner. Die Gegenkraft ist lächerlich.

Es sind recht freundliche Aliens, die da in Moskau landen und das russische Militär blossstellen. Einer von ihnen bietet sich sogar als recht fotogener Schwiegersohn an. Dass der Film allerdings so tut, als ginge es um die Vorzüge einer diplomatisch-pragmatischen Kommunikation mit dem Fremden und um die Lächerlichkeit des spontanen Griffs zu den Waffen, ist selbst wiederum lächerlich. Denn eigentlich geht es um Potenz, um sexuelle Potenz natürlich. Das landende und Beton zerhäckselnde Raumschiff versaut nämlich Yulyas recht aufdringlichen Partner den langersehnten Koitus. Der Alien Hijken, der mit Yulya bald anbandelt, ist eben nicht nur der liebevollere und opferbereit-sorgsamere Mann, er ist vor allem der zeugungsfähigere Sexualpartner. Er ist der, dessen Potenz geradezu ohnmächtig macht. Diese Verschaltung von kinetischer Energie und Zeugungspotenz – sie ist nichts Neues – nimmt in Attraction ganz besonders abstruse Züge an. Vermutlich, weil der Film permanent darum bemüht ist, diesen Zusammenhang wieder bis in die Unkenntlichkeit zu sublimieren – was ihm allerdings vollends misslingt. Der Titel jedenfalls ist Programm. Es geht um Attraktionen – um den Zusammenhang von Kräftegeschehen und deren Beschau, um das Attraktionsspektakel und um sexuelle Attraktivität. Da muss uns Bondarchuk nichts vormachen: mit Michael Bay ist er sich ziemlich einig über einen Attraktionsbegriff im Kino.

Text: Lukas Stern

First published: July 12, 2017

Attraction | Film | Fedor Bondarchuk | RUS 2017 | 137’ | NIFFF 2017

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