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Amour fou

[…] Jessica Hausner schafft es jedoch, eine sorgfältige, philologische Rekonstruktion des intellektuellen Kontextes des preussischen Bürgertums am Anfang des 19. Jahrhunderts zu zeichnen, was dem Zuschauer eine eigenartige und unvergessliche Erfahrung ermöglicht.

[…] Der ruhige Rhythmus, die Wahl der Wörter und die extreme Sorgfalt für malerische Bilder bauen eine ausserordentliche Bühne, auf der ein Rätsel inszeniert wird: sterben sie zusammen aus Liebe oder lieben sie sich des Todes wegen?

[…] Es ist sicher nicht falsch zu sagen, dass «Amour fou» Heinrich von Kleist nutzt, um aus einem feministischen Standpunkt einen geschichtlich politischen Film zu erzählen – fast schon eine Verfilmung von den Thesen Lukács’.

Es ist nicht der erste Film, der von der berühmten Geschichte des Suizids von Heinrich von Kleist handelt. Es ist unmöglich, eine philologische Rekonstruktion des Suizides zu versuchen, da die Gründe, die zu diesem Akt führten, unklar bleiben. Jessica Hausner schafft es jedoch, eine sorgfältige, philologische Rekonstruktion des intellektuellen Kontextes des preussischen Bürgertums am Anfang des 19. Jahrhunderts zu zeichnen, was dem Zuschauer eine eigenartige und unvergessliche Erfahrung ermöglicht.

Die Geschichte folgt den letzten Tagen von Kleist und Henrietta Vogel, die von steifem Formalismus und strenger Etikette geprägt sind. Die Geschlossenheit der Beziehungen, auch die intimsten – zwischen den Eheleuten, wie auch zwischen Mutter und Kind – bildet eine ruhige, jedoch spannungsgeladene Atmosphäre, wo nur die Wörter in langen Konversationen strahlen können. Der Ton der Stimmen bleibt stets homogen, höflich, unsentimental und findet eine musikalische Resonanz in der hausgemachten Wiedergabe von rezenten Liedern, die ein bisschen flach und dumm klingen. Doch die Wörter drücken schwere Fragen zum Krieg, der Politik, der Freiheit und der Versklavung aus und lassen auch Heinrichs und Henriettes Existenz, die Liebe und den Tod nicht ausser acht. Mehr noch als Fragen sind sie Behauptungen, nachgedachte Meinungen, die den verrückten, waghalsigen Antrag von Heinrich aufblitzen lassen. Ja, wir bekommen den Eindruck, dass Heinrich einfach ein Verrückter ist und nicht ein Dichter oder gar ein Geliebter. Jessica Hausner zeigt ihn bewusst als Todesfanatiker, um den Standpunkt von Henriette – in der aussergewöhnlichen Interpretation von Birte Schnöink – und ihre komplexe, innere Wandlung geschickt zu unterstreichen. Der ruhige Rhythmus, die Wahl der Wörter und die extreme Sorgfalt für malerische Bilder bauen eine ausserordentliche Bühne, auf der ein Rätsel inszeniert wird: sterben sie zusammen aus Liebe oder lieben sie sich des Todes wegen? Die romantische Schönheit der ersten Option verbirgt die einzige Wahrheit der zweiten Option.

Die Authentizität der Liebe ist eindeutig nicht glaubwürdig in Amour fou, auch wenn Heinrich Henriette mit den Liebreizen des Liebenden manipuliert. So dass die folia des Suizids die Liebe überschwemmt. Die ganze Geschichte von Amour fou wird zu einer Geschichte eines Missverständnisses, zwischen Liebe und Tod und zwischen Henriette und Heinrich. So will Henriette am Ende nicht mehr sterben... Die Frauenperspektive ist der Schlüssel zum Verständnis des ganzen Films. Henriette lebt die enge Geschlossenheit einer konservativen, feudalen Gesellschaft und erfährt die Möglichkeit einer Befreiung nur durch Heinrichs Antrag zum gemeinsamen Tod. Diese Polarisierung entspricht der klassischen Interpretation Georg Lukács’: Die deutsche Romantik erfüllt den Mangel von einer politischen Revolution durch eine Sublimation ins Geistige und Poetische. In Hausners Film spielen die politischen Diskussionen zwischen den Personen eine wichtige Rolle. Nur findet Henriette noch eine dritte Lösung, eine Befreiungsalternative zum Tod: diese wird durch die Heilungsreise nach Paris in Betracht gezogen (kann dann leider nicht mehr umgesetzt werden). Paris und die französische Revolution werden zum Symbol für eine reale, politische, demokratische und nicht nur poetische Verwandlung Deutschlands. Henriettes Perspektive ist die Perspektive einer Verwandlung, welche sich ganz auf der Ebene der Beziehung zwischen Kultur und Politik bewegt.

Es ist sicher nicht falsch zu sagen, dass Amour fou Heinrich von Kleist nutzt, um aus einem feministischen Standpunkt einen geschichtlich politischen Film zu erzählen – fast schon eine Verfilmung von den Thesen Lukács’. Die Poesie und die Schönheit bleiben doch in den Wörtern, die in wunderbare, filmische Bilder umgestaltet werden.

Text: Giuseppe Di Salvatore
First published: April 23, 2016

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