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Alexandra Navratil

[…] Diese scheinbar nebensächlichen Blicke, zeigen nicht nur eine Dokumentation, sondern stellen a priori eine Reflexion über den historischen, physischen und formellen Status des Bildes dar.

[…] Wir haben vor allem Alexandra Navratils Interesse an einem Diskurs über die Formen und die Medien Fotographie und Film dargestellt, doch muss man auch ihre enorme Sorgfalt für die reinen, ästhetischen Aspekte betonen.

Dank der Reihe “Meet the Artist” im Kino Xenix in Zürich ist es möglich, nicht nur die filmischen Werke von Kunstschaffenden zu entdecken, sondern durch das Gespräch mit ihnen auch eine neue Perspektive auf ihre Arbeit zu entwickeln. «Ich denke im Kunstkontext, nicht in Kinokontext. Aber Kino ist für mich interessant, um ein anderes Publikum zu erreichen» – so Alexandra Navratil. Ihre Videoprojektionen stehen an der Schnittstelle von Kunst und Film – und ihre Projekte schlagen sich oft auch in Buchformaten nieder.

Die ersten drei gezeigten Videos – auch gleich die neusten Werke – stammen aus einer Recherchearbeit im AGFA Archiv in Wolfen-Bitterfeld. Navratil macht einen interessanten Diskurs über die Einführung der synthetischen Emulsionen in der Fotographie anfangs des 20. Jahrhunderts und benutzt so ihre Filme, um über das Bild im Medium Film nachzudenken. Der Herstellungsprozess von Gelatine aus Tierknochen – «die purifizierte Essenz des Todes», wie sie diese selber nennt – und Silberiodid ist nachvollziehbar in einer filmischen Collage von Fotoarchivmaterial (Resurrection). Die Bilder von Silbersee stammen aus dem Fundus eines privaten Fotoarchives eines AGFA Mitarbeiters. Dies ergibt eine poetische Visualisierung des meist verschmutzten Sees Deutschlands Ende des 19. Jahrhunderts: «Chemie versteckt eine langsam wirkende Gewalt» – meint Navratil selbst. In The Night Side hat die Künstlerin entschieden, im Dunkeln zu drehen und eine hyperrealistische Tonkomposition zu benutzen, um die Erinnerungen einer ehemaligen AGFA Mitarbeiterin sehr physisch zu visualisieren. Diese scheinbar nebensächlichen Blicke, zeigen nicht nur eine Dokumentation, sondern stellen a priori eine Reflexion über den historischen, physischen und formellen Status des Bildes dar. Das etwas ältere Video Views fokussiert sich auf eine andere historische Errungenschaft, nämlich die Einführung der Farbe in Filmen. Navratil zeigt hier mit Film Footage über Textilherstellung, wie die Farbe genauso exotisch wie die Textilmuster erscheint. Im Gespräch erklärt die Künstlerin, wie ihre wiederkehrende Nutzung von Archivmaterial nicht eine nostalgische Vorliebe zum Material ausdrücken will, sondern eine neue Kontextualisierung ist, die interessante Ideen anregt.

Wir haben vor allem Alexandra Navratils Interesse an einem Diskurs über die Formen und die Medien Fotographie und Film dargestellt, doch muss man auch ihre enorme Sorgfalt für die reinen, ästhetischen Aspekte betonen. Diese ergreifen die ZuschauerInnen unmittelbar und noch verstärkt im aussergewöhnlichen Kontext einer Kinoprojektion. Die Veranstaltung im Kino Xenix war für uns auf jeden Fall nicht nur die Gelegenheit eine neue Wahrnehmung Navratils Werken – im Vergleich zu ihren gewöhnlich installativen Ausstellungen in Galerien oder Ausstellungsräume – zu erleben, sondern auch die Möglichkeit, durch das Gespräch eine nicht unrelevante Erklärung über ihre Werke zu gewinnen. Man stellt sich oft die Frage, wenn in besonderen Fällen die Erklärungen eines Kunstwerks selbst ein Teil des Werks werden. Dies ist eine schwierige Frage, die eine andere Diskussion öffnen kann. Uns ist klar, dass das Gespräch mit der Anwesenheit der Künstlerin im Kino Xenix von grossem Wert war.

Text: Giuseppe Di Salvatore
First published: May 18, 2016

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