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A Spell to Ward Off the Darkness

[…] Der Mensch ist vorerst alleine im Chaos der Natur, deren semantische Dunkelheit zeitweise ferngehalten, niemals aber gänzlich verbannt werden kann. In einer dialektischen Bewegung, ohne jedoch etwas auszuformulieren, stellt der Film in einem narrativen Triptychon Möglichkeiten vor, mit dieser Dunkelheit leben zu können.

[…] Die beiden Experimentalfilmer Rivers und Russell führen das Kino auf seine ursprünglichen, es konstituierenden Bestandteile zurück: Licht (und dessen Abwesenheit) und Ton (vom Geräusch des Windes auf einem See bis zum ohrenbetäubenden Schrei, untermalt von kreischenden Gitarren). Mit diesen Urelementen kreieren sie ein Dokument von sanfter Transzendenz und archaischer Wucht zugleich.

Am Anfang ist die Dunkelheit. Nicht, dass das Bild schwarz wäre, denn damit die Dunkelheit als solche erkennbar wird, braucht es eine kleinste Ahnung von Licht, die dieser erst ihre Form gibt. Die Kamera schweift mehrmals ruhig über eine Seenlandschaft in der sehr frühen Morgendämmerung oder sehr späten Abenddämmerung; im Hintergrund sind undeutlich die den See umschliessenden Wälder zu erkennen. Auch ist es am Anfang ganz still. Nach ein paar Minuten jedoch, als würden die Bäume sich in Töne verwandeln, ist ein leises Dröhnen auszumachen, zu dem sich bald ein archaisch anmutender a cappella Chor gesellt. Vielleicht eine Beschwörung, doch von was? Ein Mann sitzt am Feuer und raucht eine Zigarette, der Chor wird jetzt von einer Trommel abgelöst. Licht, Wärme, Gesang – reicht das, um die allgegenwärtige Dunkelheit fernzuhalten?

Der Prolog zu Ben Rivers und Ben Russells Experimental- und Musikfilm ist eine Art Genesis – allerdings eine, die auf Bedeutungsproduktion verzichtet. Der Mensch ist vorerst alleine im Chaos der Natur, deren semantische Dunkelheit zeitweise ferngehalten, niemals aber gänzlich verbannt werden kann. In einer dialektischen Bewegung, ohne jedoch etwas auszuformulieren, stellt der Film in einem narrativen Triptychon Möglichkeiten vor, mit dieser Dunkelheit leben zu können. Unser Avatar, der Mann am Feuer, ist Robert Aiki Aubrey Lowe, als Musiker unter dem Namen Lichens in düster-transzendenten Genres wie Doom- und Black-Metal unterwegs; hier springt er, nicht von narrativer sondern von poetisch-traumartiger Notwendigkeit getrieben, von einem Lebens- oder Kulturentwurf zum anderen. Der erste Akt, der Gemeinschaft gewidmet, betrachtet mit ethnographisch-dokumentarischem Blick eine Neo-Hippie-Kommune auf einer estnischen Insel: gemeinsames Kochen, gemeinsamer Saunabesuch, Unterhaltungen über alltägliche Machtstrukturen und (sehr) experimentelle Gemeinschaftsrituale. Wir entfernen uns diskret und finden uns, wie durch ein Portal, in der Einsamkeit der finnischen Wälder und Seen wieder. Der Film ändert seine Gangart und betrachtet mit ruhig komponierten Bildern den Mann, alleine in der Natur. Er fischt, kocht auf offenem Feuer, liest und denkt. Wind zieht durch die Baumwipfel, Ameisen kriechen über den laubbedeckten Boden, Felsen harren starr ihrer Dinge. Die Anspannung, die von Beginn des Filmes weg sowohl Bilder, Tonspur als auch den Protagonisten überzog, entlädt sich schliesslich im dröhnenden Feuer, das die Holzhütte im Wald in einer mehreren Minuten langen hypnotischen Einstellung verzehrt. Das Gesicht des Mannes ist weiss geschminkt, seine Augen weit aufgerissen.

Das Feuer bildet die Überleitung zum letzten Teil, einem Black Metal-Konzert in Oslo. Der Mann, immer noch mit weissem Gesicht, ist Teil der Band. Sein Wesen gleicht jetzt einem Schrei. Was auch immer man von Black Metal zu halten pflegt – ein gewisser kathartischer Affekt ist diesem kaum abzusprechen; umso weniger wenn dieser auf eine halbe Stunde mäandrierender Gespräche einerseits und eine halbe Stunde in vollkommener und ruhiger Einsamkeit folgt. Der Film kreiert so im Grunde die besten Voraussetzungen, auch Zuschauern einen Zugang zu jener Musik zu ermöglichen, die mit gutturalem Kreischgesang eher Lärm oder gar Satanismus assoziieren statt – und so wird es hier vermittelt – eine Art Urschrei; den primal scream.

Die beiden Experimentalfilmer Rivers und Russell führen das Kino auf seine ursprünglichen, es konstituierenden Bestandteile zurück: Licht (und dessen Abwesenheit) und Ton (vom Geräusch des Windes auf einem See bis zum ohrenbetäubenden Schrei, untermalt von kreischenden Gitarren). Mit diesen Urelementen kreieren sie ein Dokument von sanfter Transzendenz und archaischer Wucht zugleich. Der titelgebende, zur Interpretation offene “Spell”, der Zauber, der die Dunkelheit fernhält, kann alles sein: Gemeinschaft und Konversation, Einsamkeit und Kontemplation, Feuerlicht und Gesang. Mit einem Wort: Kino.

Text: Dominic Schmid

First published: October 04, 2016

A Spell to Ward off the Darkness | Film | Ben Rivers, Ben Russell | FR-DE-EST 2013 | 98’

New Vision Award at Copenhagen International Documentary Festival

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