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A Quiet Passion

[…] Glücklicherweise betrachtet er dieses enorme Auseinanderklaffen zwischen äusserer Ereignislosigkeit und innerer Fülle nicht als zu überkommendes Hindernis, sondern verwendet dieses als fundamentales Gestaltungsprinzip seiner Inszenierung.

[…] «Your soul is no trivial matter», rügt sie ihr Vater diesbezüglich einmal. «I know, father, that’s why I’m so meticulous in guarding its independence». Nicht trivial ist auch Terence Davies Filmsprache, die Emily Dickinson zuallervorderst und wirklich „ernst“ nimmt.

«Emily Dickinson was born in Amherst, Massachusetts, on December 10, 1830. She died there, after a life perfectly devoid of outward event, in 1886». So fasst der amerikanische Schriftsteller Conrad Aiken in seiner Einleitung zu einer Gedichtsammlung von Emily Dickinson etwas lakonisch deren Leben zusammen. Diese Ereignislosigkeit bezieht sich natürlich – und davon zeugen sowohl Dickinsons Werk als auch Terence Davies Biopic über eben jenes „ereignislose Leben“ – alleine auf diese Äusserlichkeit, bzw. deren Abwesenheit. Die Welt, die Dickinson stattdessen aus ihrem Innern heraus errichtet hat, ist reichhaltiger und komplexer als so manches abenteuerliche Leben, an denen insbesondere das 19. Jahrhundert nicht gerade arm ist, und gehört zum bewegendsten, was die amerikanische Dichtung dieses Jahrhunderts zu bieten hat. Ganz zu Recht gilt Emily Dickinson heute neben Walt Whitman als die wichtigste amerikanische Dichterin dieser Zeit.

Über eben dieses Leben hat der britische Regisseur Terence Davies mit A Quiet Passion einen grossartigen Film gedreht. Glücklicherweise betrachtet er dieses enorme Auseinanderklaffen zwischen äusserer Ereignislosigkeit und innerer Fülle nicht als zu überkommendes Hindernis, sondern verwendet dieses als fundamentales Gestaltungsprinzip seiner Inszenierung. Damit reiht sich A Quiet Passion im Übrigen perfekt in seine Filmographie ein, die schon immer von strengsten Bildkompositionen gepaart mit einem Blick für kleinste Variationen des Alltäglichen, sowie zurückhaltendem doch hochpräzisem Schauspiel geprägt war. Auch lässt sich Davies' formale Strenge in Analogie zu jenen Parametern betrachten, innerhalb derer Emily Dickinsons poetisches Werk entstehen konnte: sowohl der strenge formale Rahmen, innerhalb dessen sich die vormoderne Dichtung zu bewegen pflegte (die mitunter von Dickinson, ihrer Zeit voraus, oft bis an ihr Limit ausgereizt werden), als auch das rigide soziale Umfeld Neuenglands um 1860, geprägt von Puritanismus und starren Geschlechterrollen, die nicht viel Raum für eine weibliche Künstlerin boten. Unvorstellbar da und damals, dass eine Frau sowohl ihr kreatives Genie als auch ihren Wunsch nach ehelicher Partnerschaft gleichzeitig ausleben konnte. So entschied sich Dickinson, freiwillig oder nicht, für ersteres – freilich nicht ohne auch ihren Vater dafür um Erlaubnis bitten zu müssen, sich in den frühen Morgenstunden dem Schreiben widmen zu dürfen. Die Tage verbrachte sie grösstenteils im Kreise ihrer engsten Familie – insbesondere ihrer Schwester und ihrer Schwägerin, sowie einer freigeistigen Nachbarin – mit scharfen, von grossem Sprachwitz geprägten Konversationen über das nähere Umfeld und über die Ereignisse in der Welt, die fast einzig über die Zeitung bis in das Haus in Amherst dringen. Trotz der selbstauferlegten Gefangenschaft führte Emily Dickinson ein grosses, reiches Leben – offensichtlich für jeden, der sich schon einmal eingehender mit ihrer Dichtung befasst hat. Doch ein glückliches wird es keines gewesen sein. «In matters of the soul, you are rigourous» – «Rigour is no substitute for happiness». So lautet ein bezeichnender Dialog zwischen Emily und ihrer Schwester.

Gespalten nicht nur in ihrer Rolle als Frau und Künstlerin, wird von der ersten Szene an auch Dickinsons ambivalentes Verhältnis zur Religion, bzw. zur allgegenwärtigen Kirche thematisiert – zwei Dinge, deren fundamentale Ungleichheit kaum je so offensichtlich war wie hier. Aufgrund ihrer Unangepasstheit verlässt sie das christliche Seminar, in dem sie ihre Jugend verbracht hatte. Auch später geht sie nur selten zur Kirche, zu der Zeit eigentlich ein kleiner Skandal. Niemand habe ein innigeres Verhältnis zu Gott als sie, wird ihr einmal gesagt, doch auch dieses Verhältnis spielt sich im Inneren ab, anstatt in sozial unaufälligem regelmässigem Kirchengang und Bibellektüre. «Your soul is no trivial matter», rügt sie ihr Vater diesbezüglich einmal. «I know, father, that's why I'm so meticulous in guarding its independence». Nicht trivial ist auch Terence Davies Filmsprache, die Emily Dickinson zuallervorderst und wirklich ernst nimmt. In Kombination mit Cynthia Nixon eindringlicher Darstellung der Dichterin entfaltet sich in A Quiet Passion eine Atmosphäre, die trotz einer allgemeinen Morbidität nie düster, und trotz der Tatsache, dass wie seine Protagonistin der Film kaum je das Anwesen verlässt, nie klaustrophobisch wirkt. Durch die Verwendung von mehrheitlich natürlichem, in der Regel durch die Fenster einfallendes Licht, ist die Aussenwelt nie ganz abwesend, ist aber stets etwas vermitteltes, konzentriertes, etwa in Form von unscheinbarem doch bezauberndem Lichtspiel an den Wänden. Und Nixons Gesicht, vor allem ihre Augen, sowie ihre minutiös gespielte Mimik, lassen jene Tiefen erahnen, die in jedem einzelnen Gedicht von Dickinson offen zutage liegen. Die wenigen über Voice-over vorgetragenen Gedichte sind da schon beinahe überflüssig, verweisen in ihrer Undurchdringlichkeit aber gleichzeitig auch darauf, dass es dem Film schlussendlich unmöglich ist, ganz bis dahin vorzudringen, wo sich Dickinsons Leben im Eigentlichen abspielte.

Nicht zuletzt erzählt A Quiet Passion vom Vergehen der Zeit und vom Sterben, wenn auch etwas weniger bessessen davon als die Dichterin selbst, die in der Dichtung nicht zuletzt Trost vor dem Unausweichlichen fand. «Poems are my solace for the eternity that surrounds us all». Eine Reihe von Einstellungen, die die jungen Hauptfiguren innerhalb weniger Sekunden mittels digitalem Morphing um Jahrzehnte altern lässt (und die jüngeren Darsteller durch ältere ersetzt), sind poetisch, verstörend und atemberaubend zugleich. Das Sterben selbst – Dickinson erlag im Alter von 55 Jahren einer Nierenkrankheit – wird auf eine Weise vermittelt, die gleichzeitig rasend schnell und unerträglich langsam wirkt. In wenigen langen Einstellungen erlebt man den Verfall von Geist und Körper gleichsam mit, beobachtet das Ende einer Frau, die zeitlebens darauf zu warten schien, dass ihr Leben endlich anfange. Ein bisschen Anerkennung zu Lebzeiten hätte sie sich gewünscht, jene in der Nachwelt sei bloss schwacher Trost. Während sie in ihrem Sarg herausgetragen wird, scheinbar fast zum ersten, endgültig zum letzten Mal ihr Zuhause verlässt, hören wir zum Abschied noch jenes rätselhafte Gedicht:  

My life closed twice before its close—
It yet remains to see
If Immortality unveil
A third event to me 

So huge, so hopeless to conceive
As these that twice befell.
Parting is all we know of heaven,
And all we need of hell.

*

A Quiet Passion was screened at Bildrausch Filmfest 2017 in Basel

Text: Dominic Schmid

First published: June 22, 2017

A Quiet Passion | Film | Terence Davies | UK-BE 2016 | 124’ | Bildrausch Filmfest 2017 Basel

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