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A Dragon Arrives!

[…] Diese groteske Melange aus Mystery, Horror, Politthriller, Sozialdrama und makabrer Komödie wird durch einen pseudo-dokumentarischen Erzählstrang noch zusätzlich angereichert. Im Stile eines Mockumentary wendet sich Regisseur Haghighi unmittelbar nach den Eröffnungscredits das erste Mal direkt ans Publikum.

[…] Mehr als alles andere wäre «A Dragon Arrives!» demnach ein Film über das Kino – oder besser noch: Es wäre die Essenz des Kinos, die «A Dragon Arrives!» zum Leben erweckte, seine gewaltige, überwältigende, imaginative und subversive Kraft.

Als kleiner Junge, erinnert sich der iranische Filmemacher Mani Haghighi im Pressedossier zu seinem neuen Spielfilm A Dragon Arrives!, habe er einmal seinen Grossvater, den Regisseur Ebrahim Golestan, bei einem Aussendreh am Set besucht. Der «majestätische» Anblick, wie sein Grossvater in den Himmel zu fliegen schien, während er in einem Turmkran hinter der Kamera sass, habe ihn als Kind derart beeindruckt, dass er beschlossen habe, selbst Filme zu machen. Fünf Jahre alt war Haghighi damals – falls die Geschichte denn stimmt.

Haghighi, der lange in Kanada lebte, ehe er 2000 in den Iran zurückkehrte, zählt heute zu den bekanntesten und spannendsten Regisseuren des iranischen Gegenwartskinos. Die surrealen Zwischenräume, die sich in seinen Werken auftun, lassen sich mit sozialpolitischen, philosophischen oder märchenhaften Deutungen gleichermassen füllen. Ähnlich wie zuletzt in der wunderbar absurden Filmallegorie Modest Reception vermischt Haghighi in A Dragon Arrives! nun phantastische und realistische Erzählstile zu einem bizarren Genremix, der vor allem eines ist: grandioses Kino.

Nicht nur im Presseheft, auch im Film selbst erzählt Haghighi von seinem Grossvater, einem bedeutenden Vertreter des iranischen New Wave Kinos. A Dragon Arrives! spielt grösstenteils Mitte der sechziger Jahre und beginnt mit einer Verhörszene. Der Polizist Babak Hafizi wird von einem Mitarbeiter des Geheimdienstes zum Tod eines Dissidenten befragt. Dieser soll sich im Exil auf der Wüsteninsel Qeshm im Persischen Golf im Januar 1965 das Leben genommen haben; einen Tag nach dem tödlichen Anschlag auf den iranischen Premierminister Hasan Ali Mansur. Eine Rückblende zeigt, wie der junge, attraktive und extrem coole Hafizi die Ermittlungen aufnimmt. Aus dem Off von den treibenden, unheilverkündenden Elektrobeats Christophe Rezais begleitet, setzt der Polizist in seinem knallorangenen Chevrolet Impala auf die Insel über. Hafizi beginnt seine Untersuchung dort, wo der Tote zuletzt gewohnt hat: in einem Schiffswrack auf einem alten, verwaisten Friedhof mitten in der Wüste. Mehr Metaphorik geht kaum. Unklar allerdings bleibt, wofür die Symbole stehen. Für den berüchtigten iranischen Geheimdienst SAVAK, den, wie später klar wird, Hafizi mit einer kleinen Gruppe politischer Widerständler zu unterwandern versucht? Für die iranische Geschichte? Den gescheiterten Aufbruch? Die gestrandete Revolution? Für eine zwischen Aberglaube und Moderne, Fundamentalismus und Fortschritt changierende Kultur? Für die heutige iranische Gesellschaft? Oder stattdessen oder zugleich für etwas gänzlich anderes, Unpolitisches, Kafkaesk-Abgründiges? Derlei Fragen wirft Haghighi in seinem Film beständig auf. Antworten bleibt er wohl absichtlich schuldig.

Nur eines wird bei den Ermittlungen Hafizis schnell klar: Der Tote beging keinen Selbstmord, sondern wurde ermordet. Weil sich Hafizi aber nicht offen mit der Staatsmacht anlegen möchte, vertuscht er die Umstände des Todes, fälscht seinen Bericht und begräbt die Leiche auf dem Friedhof, der wenig später von einem massiven Erdbeben heimgesucht wird, das seltsamerweise ausschliesslich dort auftritt. Die Einheimischen halten den Friedhof schon seit langem für einen verfluchten, gottlosen Ort und meiden ihn. Immer, wenn dort ein Toter begraben werde, so heisst es, tue sich hinterher die Erde auf. Hafizi aber hält nichts von solchem Tratsch. Er, der Stadtmensch, der moderne Zweifler und Aufklärer, möchte der Sache gemeinsam mit einem befreundeten Toningenieur und einem Geologen auf den Grund gehen. Mit Hilfe bizarrer, improvisierter Technologie vermessen die drei Umgebung und Erdreich. Eine per Autobatterie betriebene Glühbirnenpalette soll helfen, seismische Unregelmässigkeiten aufzuzeichnen. Eine an Dutzenden bunten Luftballons befestigte Kamera soll erhellende Fotos machen. Das einzige, was den drei selbsternannten Ghostbusters für ihre Versuchsanordnung auf dem Friedhof jetzt noch fehlt, ist eine Leiche.

Diese groteske Melange aus Mystery, Horror, Politthriller, Sozialdrama und makabrer Komödie wird durch einen pseudo-dokumentarischen Erzählstrang noch zusätzlich angereichert. Im Stile eines Mockumentary wendet sich Regisseur Haghighi unmittelbar nach den Eröffnungscredits das erste Mal direkt ans Publikum. Zufällig, so behauptet er, sei er auf Audioaufnahmen eines Toningenieurs gestossen, der einst mit seinem Grossvater zusammengearbeitet habe und während der Dreharbeiten zu Golestans Klassiker The Brick and the Mirror (1965) plötzlich verschwunden sei. Wiederholt eingestreute Interviews mit «Zeitzeugen» sollen fortan belegen, dass es sich bei A Dragon Arrives! um eine reale Spurensuche handle. «Based on a true story» hat sich der Film entsprechend auf die Fahnen geschrieben, was sich aber letztlich nur als weitere Finte in Haghighis raffiniertem Vexierspiel um Traum und Realität entpuppt, bei dem sich die behauptete Wahrheit unaufhaltsam in eine Möglichkeit unter vielen auflöst.

Als Zuschauer kann man nun zwar versuchen, die Symbolik des Films zu dechiffrieren und etwa das Erdbeben als iranische Urwunde lesen. Man kann den cineastischen Referenzen auf Werner Herzogs Fitzcarraldo, auf Filme von Fellini, Buñuel, Tarkowski, Tarantino und unzählige mehr nachspüren. Oder aber man kapituliert vor der überbordenden (Sinn-)Bilderflut. Natürlich überlagern sich in der Chiffre des orangefarbenen Chevys, der durch die Wüste Qeshms cruist, kulturelle Codes. Möglicherweise aber benötigt Haghighi dafür keine interpretatorische Rechtfertigung und das Überlagern an sich ist die Botschaft. Oder wie es Haghighi mit Blick auf den Chevrolet Impala formuliert: «Ich wollte schon immer eine Kamerafahrt auf seine Scheinwerfer machen, und dieser Film gab mir die perfekte Gelegenheit dazu.» Vielleicht muss das genügen.

Es ist jedenfalls nicht der Gestus des Antworten-Suchens, der die magische Atmosphäre von A Dragon Arrives! prägt, sondern der unbändige Drang des Fragen-Stellens und Infrage-Stellens. Nicht auf eine bestimmte Zielrichtung scheint es Haghighi anzukommen, sondern auf die Bewegung an sich, auf das In-Bewegung-Geraten, das Den-Boden-Verlieren. Mehr als alles andere wäre A Dragon Arrives! demnach ein Film über das Kino – oder besser noch: Es wäre die Essenz des Kinos, die A Dragon Arrives! zum Leben erweckte, seine gewaltige, überwältigende, imaginative und subversive Kraft.

Vieles mag an diesem kruden, buntscheckigen, brüchigen Mosaik mit seinen schroffen und knalligen, poetischen, pathetischen Bildern und atemlosen Klängen am Ende rätselhaft, ungeklärt, verworren bleiben. Doch das, was da so unkontrollierbar zuckt und bebt, pulsiert und pocht, ist tatsächlich nichts anderes als ein cineastisches Meisterwerk.

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Im Kollaboration mit Filmbulletin

Text: Stefan Volk

First published: October 23, 2016

A Dragon Arrives! | Film | Mani Haghighi | IRN 2016 | 108’

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